Von der Willkommenskultur zur Gefahrenabwehr

Unter dem Titel „Integration hat viele Gesichter“ sprach Astrid Eibelshäuser, Dezernentin für Bildung und Integration, auf der Mitgliederversammlung des Elisabeth-Selbert-Vereins, Träger des Frauenkulturzentrums über die Entwicklung der Zuwanderung auch in unserer Stadt.
1950 war jeder zweite Einwohner ein Zugewanderter oder Flüchtling. Ganze Stadtviertel, z. B. das Gebiet um die Sudetenlandstraße, entstanden in dieser Zeit.

Mitte der 60er Jahre kamen dann die Gastarbeiter als Arbeitsmigranten nach Deutschland und auch nach Gießen. Das Wort Integration spielte in dieser Zeit keine Rolle, weil davon ausgegangen wurde, dass die Menschen wieder in ihre Heimat zurückkehren würden. Dass dies nicht der Fall war, erlebt die Referentin bei ihren Besuchen anlässlich von Goldenen Hochzeiten oder Geburtstagen, bei denen sie vermehrt auf Menschen mit Migrationshintergrund trifft. Viele dieser Familien gehören heute zu einer aufstiegsorientierten Mittelschicht. Das trifft nicht auf alle Familien zu, aber deutlich ist, dass nicht der Migrationshintergrund entscheidet, welche Chancen die Nachkommen haben, sondern die soziale Lage der Familie.
In den 90er Jahren kamen dann Menschen aus dem Balkan und Aussiedler in unsere Stadt, und in den folgenden Jahren auch immer wieder Asylbewerber.
Nicht zu vergessen die hohe Zahl von Studierenden aus dem Ausland und hochqualifizierten Menschen wie Ärzte und Wissenschaftler an unseren Hochschulen.
Erst ab 2000 aber wurde Integration ein eigenes Politikfeld im Bund, den Ländern und Kommunen. Überall entstanden Integrationsbüros, die Bedeutung von Bildung und Sprache wurde verstärkt in den Fokus gerückt.
Obwohl es damals immer noch Diskussionen über die Frage gab, ob Deutschland ein Einwanderungsland ist, war die Vielfalt längst gesellschaftliche Realität und in dieser Zeit entwickelte sich auch eine Willkommens- und Anerkennungskultur. 
Auch in 2015, dem Jahre der sogenannten Flüchtlingskrise, war die enorme Welle von Hilfsbereitschaft und ehrenamtlichen Engagement ein Zeichen dieser Willkommenskultur.
Das hat sich in den letzten zwei Jahren geändert. Die Stimmen – zunächst die der AfD und jetzt auch der CSU- die Zuwanderung als Gefahr für unser Land sehen, sind lauter geworden. Terroranschläge und die vielen weltweiten Krisen, Kriege und Katastrophen verunsichern viele Menschen.
Tatsache aber ist und bleibt: Deutschland ist längst ein Einwanderungsland. Eine große Anzahl der Menschen, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind, wird bleiben.
Für Gießen heißt das, den Konsens über eine Anerkennungs- und Willkommenskultur, den diese Stadt auch in den letzten 3 Jahren nicht verloren hat, zu bewahren. Nur auf dieser Grundlage kann es gelingen, auftretende Probleme zu lösen, so das Fazit der Dezernentin für Bildung und Migration.
Anne Schmidt, die Vorsitzende des Elisabeth-Selbert-Vereins gab in ihrem Rechenschaftsbericht einen Überblick über die Aktivitäten des letzten Jahres und konstatierte eine steigende Besucherinnenzahl bei den unterschiedlichen Veranstaltungen. Bedingt durch den Rückzug von Karola Drews als Beisitzerin erfolgte einstimmig die Wahl von Christel Stroh, seit 2013 Mitarbeiterin im Zentrum, zur neuen Beisitzerin.